Anatomie und Funktion der Speiseröhre
Die Speiseröhre (Ösophagus) ist ein etwa 25–30 cm langer muskulärer Schlauch, der den Rachen mit dem Magen verbindet. Sie verläuft vom Hals durch den Brustkorb (Mediastinum) und tritt durch das Zwerchfell in den Oberbauch ein.
Ihre Aufgabe besteht ausschließlich im Transport der Nahrung. Durch koordinierte Muskelbewegungen (Peristaltik) wird die Nahrung in den Magen befördert. Am unteren Ende verhindert ein Schließmuskel normalerweise den Rückfluss von Magensäure. Eine chronische Refluxerkrankung kann jedoch zu Schleimhautveränderungen führen, die langfristig das Risiko für eine Tumorentstehung erhöhen.
Speiseröhrenkrebs (Ösophaguskarzinom)
Nicht jede Engstelle oder Raumforderung der Speiseröhre ist bösartig. Entzündungen, Narben oder gutartige Tumoren können ähnliche Beschwerden verursachen.
Bösartige Tumoren der Speiseröhre entstehen aus der Schleimhaut. Man unterscheidet zwei Hauptformen:
- Plattenepithelkarzinom – meist im oberen oder mittleren Drittel der Speiseröhre
- Adenokarzinom – überwiegend im unteren Drittel bzw. am Übergang zum Magen, häufig im Zusammenhang mit chronischem Reflux und Barrett-Schleimhaut
- In seltenen Fällen können Sarkome oder andere Bindegewebstumore in der Speiseröhre entstehen.
Häufigkeit
Das Ösophaguskarzinom gehört zu den selteneren, jedoch prognostisch bedeutsamen Tumorerkrankungen. In westlichen Ländern nimmt insbesondere die Häufigkeit des Adenokarzinoms zu. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr.
Risikofaktoren
Die Entstehung ist multifaktoriell. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen:
Für das Plattenepithelkarzinom
- Rauchen
- Chronischer Alkoholkonsum
Für das Adenokarzinom
- Chronische gastroösophageale Refluxerkrankung
- Barrett-Ösophagus
- Adipositas
Eine gesunde Lebensweise mit Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum kann das Risiko senken.
Symptome
Im Frühstadium bestehen häufig keine oder nur unspezifische Beschwerden.
Mit Fortschreiten der Erkrankung treten häufig auf:
- Zunehmende Schluckstörungen (Dysphagie)
- Gewichtsverlust
- Druck- oder Schmerzgefühl hinter dem Brustbein
- Regurgitation von Nahrung
- Heiserkeit oder Husten bei fortgeschrittener Erkrankung
Eine neu auftretende oder zunehmende Schluckstörung sollte immer zeitnah ärztlich abgeklärt werden.
Diagnostik
Früherkennung
Eine allgemeine Vorsorgeuntersuchung wird derzeit nicht empfohlen. Patientinnen und Patienten mit Barrett-Ösophagus sollten jedoch regelmäßig endoskopisch kontrolliert werden, um Vorstufen frühzeitig zu erkennen.
Diagnostik bei Verdacht
Bei entsprechender Symptomatik erfolgt eine strukturierte Abklärung:
- Ösophagogastroduodenoskopie (Magenspiegelung) mit Biopsie
- Endosonographie zur Beurteilung der lokalen Tumorausdehnung
- Computertomographie (CT) von Hals, Thorax und Abdomen
- Ggf. PET-CT bei kurativem Therapieansatz
- Bronchoskopie bei Tumoren im oberen oder mittleren Drittel
- Diagnostische Laparoskopie bei distalen Tumoren
Nach vollständigem Staging wird jeder Fall im interdisziplinären Tumorboard (Wöchentliche Konferenz mit Chirurgen, Gastroenterologen, Radiologen, Strahlentherapeuten und Onkologen) besprochen.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Tumorstadium, Lokalisation, Histologie und dem individuellen Allgemeinzustand.
Endoskopische Therapie
Sehr frühe Tumoren, die strikt auf die Schleimhaut begrenzt sind, können endoskopisch entfernt werden.
Multimodale Therapie
Bei lokal fortgeschrittenen, resektablen Tumoren erfolgt in der Regel eine neoadjuvante Radiochemotherapie oder perioperative Chemotherapie, gefolgt von operativer Entfernung des Tumors.
Operative Therapie
Die Ösophagektomie mit systematischer Lymphknotenentfernung stellt bei resektabler Erkrankung die zentrale kurative Maßnahme dar. Je nach Tumorlokalisation erfolgt die Resektion transthorakal (über den Brustkorb) oder transhiatal (über den Bauchraum) oder kombiniert. Die Operationen werden in der Regel in minimal-invasiver Technik (Schlüssellochtechnik) oder Roboter-assistiert durchgeführt. Zur Wiederherstellung der Nahrungspassage wird meist der Magen zu einem Magenschlauch umgeformt und als Ersatzspeiseröhre in den Brustraum oder in selteneren Fällen bis zum Hals hochgezogen. Aufgrund der Komplexität sollte dieser Eingriff in spezialisierten Zentren mit hoher Fallzahl durchgeführt werden.
Palliativbehandlung
Ist eine Heilung nicht mehr möglich, steht die Linderung der Beschwerden im Vordergrund.
Mögliche Maßnahmen:
- Systemische Chemotherapie oder Immuntherapie
- Endoskopische Stentimplantation zur Verbesserung der Schluckfähigkeit
- Strahlentherapie zur lokalen Tumorkontrolle
- Ernährungstherapie
- Schmerztherapie
- Palliativmedizinische Begleitung
Ziel ist die Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität.